Kerstin Kaiser Ende der 80er

Nach und nach verstand ich das Prinzip der Überwachung von Studenten im Ausland, ohne allerdings damals annähernd eine Vorstellung über den Umfang der MfS-Aktivitäten innerhalb der DDR zu haben. Nach und nach begriff ich, dass ich keinerlei Berechtigung und Begründung dafür hatte, über meine  zwölf Kommilitoninnen der deutschen Hochschulgruppe ohne ihr Wissen auch nur irgendeine Information weiterzugeben.

Daran änderte auch nichts, dass wir alle einerseits irgendwie von dieser Überwachung wussten und sie andererseits verharmlosten. Mein Verhältnis zu dem Offizier des MfS wurde zunehmend gespannt und immer widersprüchlicher. Der wiederum bescheinigte mir mangelnde Disziplin, fehlende Motivation und Verlässlichkeit. Auch wenn mir damals durchaus schon bewusst war, worüber ich auf keinen Fall reden wollte und nicht zu reden hatte, begriff ich doch erst viel später in ganzer Schärfe, zu welchen Konsequenzen auch scheinbar harmlose, nicht böse gemeinte Bemerkungen über andere Menschen führen konnten, wenn sie absichtsvoll in andere Zusammenhänge gebracht werden.

Nicht zuletzt  wurde mir das klar durch die Einschätzung meiner Person, mit der mich der MfS-Mitarbeiter konfrontierte. Meine Treffen mit ihm wurden unregelmäßiger. Sie endeten endgültig mit dem Abschluss meines Studiums in Leningrad. Das war 1984. Da war ich vierundzwanzig Jahre alt und hatte bereits ein anderthalbjähriges Kind.

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