Kerstin Kaiser Anfang der 90er

Öffentlicher Umgang mit „IM Katrin“ und meine heutige Sicht auf diesen Teil meines Lebens

Schon vor 1989 habe ich gegenüber engen Freunden, ehemaligen Kommilitonen und meiner Familie über die Kontakte zum MfS in Leningrad geredet. Das war schwer und es war unangenehm. Mir war klar, dass diese Zusammenarbeit ein Fehler gewesen war. Ich hatte begriffen: Einschätzungen über das Leben und die politische Zuverlässigkeit der Mitstudentinnen gegeben zu haben, war in diesem Fall nicht nur eine persönliche und politische Anmaßung: das war genau der Schritt zu weit. Ein Schritt, den ich mir auch heute nicht verzeihen kann.

Aber erst mit der politischen Wende in der DDR begriff ich noch mehr über das MfS  und ich begriff, dass tatsächlich auch ich eine der so schwer angegriffenen „IM-s“ gewesen war.  Von Anfang an wollte ich mich damit nicht verstecken. In den Jahren 1992-1994 konnte ich mit fast allen betroffenen Kommilitoninnen sprechen. Ich erfuhr, dass ich offenbar zum Glück niemandem geschadet hatte. Kritische Auseinandersetzungen und Einsichten über „unser früheres Leben“, aber eben auch Verzeihen und Vertrauen prägten unsere Treffen und Gespräche.

Für mich ist in dieser Zeit klar geworden, dass ich in der Politik wie im privaten Leben ein Miteinander  will, das die Rechte und Ansichten des Einzelnen respektiert, weil ein selbstbestimmtes erfülltes Leben in der Familie wie in der Gesellschaft mit Wegsehen, Verschweigen, Misstrauen, Bevormundung und Überwachung unmöglich ist. Ich will auf jeden Fall, dass meine eigenen Kinder im Alter von achtzehn Jahren über ein größeres Wissen, andere Einsichten und Stärken verfügen, als damals ihre Mutter. Auch deshalb war „Verdrängen und Vergessen“ für mich kein Weg.

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