DEPRESSION von ERICH SAUER
Leiden Sie unter gedrückter Stimmung?
Haben sie ihre Interessen verloren?
Fühlen Sie sich freudlos?
Ist Ihr Antrieb herabgesetzt?
Werden Sie rasch müde, fehlt Ihnen Energie?
Können Sie sich schlecht konzentrieren?
Ist Ihr Selbstwertgefühl herabgesetzt?
Haben Sie Schuldgefühle oder Gefühle von Wertlosigkeit?
Sehen Sie ihre Zukunft negativ und pessimistisch?
Denken Sie an Selbstmord oder haben sie schon einmal versucht...?
Schlafen Sie schlecht?
Sind Sie appetitlos?
(Bei vier oder mehr Ja-Antworten heißt es je nach Schweregrad leichte, mittlere, schwere D. Die Symptome müssen mehr als zwei Wochen dauern.)
Dann gehören Sie zu den mindestens 20%von Depressionen betroffenen Deutschen. Tendenz zunehmend. Welch zweifelhafte Karriere einer Zivilisationskrankheit...
Keine Angst, es soll jetzt nicht weiter um Sie persönlich, auch nicht um Medizin oder Psychologie gehen...
Ja, verehrter Erich Sauer:
Es ist das Vorrecht und die Kunst der Künstler, mit wenigen Strichen, Worten, Schlägen oder Tönen bedrückenden und bewegenden Fragen zum Kern unsrer Zeit vorzudringen und ihn mit ihren Werkzeugen verändert und zugespitzt darzustellen.
Depression versteht man auch als eine Zeitkrankheit. Zeitkrankheit in einem doppelten, dialektischen Sinn:
Das Zeit-Erleben der Personen ist gestört. Auf individuell ganz unterschiedliche Art und Weise sind sie aus der Zeit, aus der allgemein gültigen, sozialen Normalzeit, deren Geschäftigkeit und Geschäften gefallen. Sie sind im endlosen Grübeln und Zögern bis hin zum absoluten Stillstand gefangen.
In diesem niedergeschlagenen Individuum, dessen Zeitempfinden nicht mehr synchron zu seiner Umwelt ist und in seinem scheinbaren Gegenstück, dem manischen Menschen, sind gesellschaftliche Verhältnisse wirksam geworden. Wir sollten das getrost als eine ursächliche Beziehung sehen.
Melancholiker, Neurastheniker, Depressive, die bis zur sozialen Handlungsunfähigkeit Vergrübelten und Verzweifelten...
Darunter große Künstler und Intellektuelle. Wir haben uns angewöhnt sie und ihre Verzweiflung als Sensor, als Warnsignal zu sehen für gesellschaftliche Zustände, die die Menschen überfordern.
Ja oft wird ein positiver Zusammenhang hergestellt zwischen Genie, Kreativität und einem Hang zu Melancholie und Depression. Hölderlin und Lenz, Hemingway und Jandl, gestehen wir diese besondere Verzweiflung über die Zeit und ihre Verhältnisse zu.
Und heute?
Nehmen wir den Selbstmord der Sängerin Ines Paulke. Oder den des Torwarts Robert Enke aus Hannover, der – wie wir nach seinem Tod erfuhren, seit vielen Jahren, vor der Öffentlichkeit verborgen - an schwersten Depressionen litt. Was bewirkten das Medienereignis und die landesweite Trauer über den Tod eines Menschen?
Sind wir demgegenüber aber wirklich bereit und in der Lage, z.B. bei suchtkranken, passiven und handlungsunfähigen Menschen, bei Hartz IV-Empfängerinnen und in die Armut Gedrückten, deren Leben sich in engsten Kreisen bewegt, dieselbe Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Überforderungen, die immer auch Unterforderungen, ja, ungelebtes Leben sind, (Nicht-Nutzen-Können persönlicher Talente, Kompetenzen und Fertigkeiten) als Ursache ihrer Niedergeschlagenheit zu sehen wie bei den großen Intellektuellen oder Stars von heute?
Überfordert und unterfordert zugleich. Sind deshalb bei dieser Skulptur Kopf und Bauch als bildlicher Ausdruck für Verstand und Gefühl so hervorgehoben?
Walter Benjamin, ein großer Geschichtsphilosoph - und Melancholiker. Bevor er sich auf der Flucht vor den Nazis, niedergedrückt körperlicher Schwäche und psychischer Erschöpfung, nach einem zermürbenden Weg über die Pyrenäen in Spanien umbrachte, meinte, es sei schwieriger das Andenken der Namenlosen zu bewahren als das der Berühmten.
Analog dazu vermute ich, dass es schwieriger ist, im Verhalten der Menschen neben und um uns heute die Zeit krankheiten als Fehlentwicklungen der Gesellschaft zu erkennen als in den Leiden großer Einzelner.
Die Menschen neben uns also…
So traf ich kürzlich in Vorpommern zum 50. Geburtstag meiner Schulfreundin auf deren 30jährige Tochter. Sie lebt seit längerem über sechs Autostunden entfernt im Ruhrgebiet und hat – sieben Jahre nach ihrem sehr guten Studienabschluss jetzt gerade – ich zitiere - „nach all der Unsicherheit zum Glück nun endlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit der Stadt X.“ Und ihr 35jähriger Freund ergänzt: „Endlich, jetzt können wir heiraten und an ein Kind denken.“
Eine andere Freundin hat einen alleinerziehenden Sohn in Hartz4. Der würde gern mit einer neuen Bekannten das Zusammenleben ausprobieren. Wäre kein Problem, müsste er das nicht sofort dem Job-Center melden und würde die neue Familie auf Probe nicht ab sofort zur „Bedarfsgemeinschaft“, bei der das Arbeitseinkommen der Freundin sofort in den Lebensunterhalt von Vater und Kind eingerechnet wäre. Du liebst ihn? Also zahle…? -
Ist es nicht so, dass die heutige Gesellschaft die einen wie die anderen gleichermaßen überfordert? Ihr Bewegungsprinzip ist Konkurrenz. Der Zweck: Geldwert.
Schon Kinder lernen:
Wie beim Geburtstagsspiel „Stuhltanz“ - fliegt im Leben immer wieder einer raus, weil immer ein Stuhl fehlt.
Sieger bleibt der Geschickteste oder der mit den härtesten Ellenbogen. Kinder erfahren Leistungsdruck durch Karriereerwartungen ihrer Eltern und viel zu frühe Aufteilung auf verschiedene Bildungswege.
Normen unserer Gesellschaft sind: Zwang zum materiellen, beruflichen wie auch privaten Erfolg, Leistung, globale Mobilität, Marktanpassung, Jugendlichkeit, Perfektion, positives Denken, Anpassung an technische Innovationen jedes Jahr zu Weihnachten und Ostern.
Will der Mensch als normal gelten, muss er sich in genau den Rahmen einpassen, wenn er nicht aus demselben fallen will. Wo soll man bleiben, wenn man sich vor lauter Flexibilität jeden Tag neu erfinden soll?
Wie soll das gehen?
Vielleicht wie in Huxley's „Schöne neue Welt“, dieser Diktatur der Wohlfühlpillen:„Bist du verdrossen, flugs Soma genossen. Ein Gramm versuchen, ist besser als fluchen“.
Die Wirklichkeit ist zynisch klarer: Aus der Zeitkrankheit Depression macht man in Zeiten des Selbstdesigns noch ein Lifestyle–Problem, mit dem sich Geld machen lässt:
Entsprechend nüchtern heißt es in einer Marktanalyse der Deutschen Bank aus dem Jahr 2002: „Das bisher lohnendste Geschäft im gesamten Lifestyle-Segment ist der Boom mit Anti-Depressiva“ .
Jeder Mensch muss sich beständig an eine Welt anpassen, die ihre Beständigkeit verliert, an eine instabile provisorische Welt.
Verlässlichkeiten? Gewissheiten? Sicherheiten? Sie sind längst rar.
Das Lebenstempo wird mörderisch. Wer das nicht durchhalten kann, und sich grad keine Pause leisten kann, muss aussteigen. Oder fällt aus dem Rah… Oder: presst sich bewegungsunfähig in ihn hinein.
Bitte, ich hoffe, Sie halten mich nicht für völlig miesepetrig…
Aber glauben Sie, dass die permanent zelebrierten Events und Großereignisse, die medial inszenierten Freudentaumel - von Fußball-WM bis European Song Contest, von einem Sommermärchen bis „Bauer sucht Bäuerin“ - nur Spaß, Freude und Übermut bedienen? Sollen die nicht auch die Verzweiflung vieler Menschen weginszenieren? Deren Grundgefühl, nicht mehr mithalten zu können, nimmt immer größeren Raum ein und verkleinert Lebensräume ...nicht gelebtes Leben.
Hölderlin, auch ein großer Verzweifelter an den Zeitumständen sprach genau das an:
„Immer spielt ihr und scherzt?
Ihr müsst! Oh Freunde!
Mir geht das in die Seele
denn dies müssen Verzweifelte nur.“
Und dann sehe ich diese Skulptur:
ein Kopf, ein Bauch deutlich im Gegenüber, im Widerspruch.
Eingezwängt in einen Rahmen, fast sargähnlich, der aber auch der eigene Körper sein könnte.
Der Kopf, herausragend zwar, aber nicht frei, wird er doch durch Arme oder Tuch oder sogar Brett im Rahmen, auf dem Boden zurück- und festgehalten.
Ein Kopf, ein Bauch – den entmenschlichten gesellschaftlichen Tendenzen zu nahe... und deshalb zu absolutem Stillstand gekommen.
Aus der Norma zeit gefallen –nicht mehr mitgekommen, nicht mehr mitgenommen.
Aber ich kann mir nicht helfen – auch Ruhe strahlt sie aus.
Eine Ruhe von Einverständnis der Erschöpften mit dem endlich erreichten Stillstand. Eine angemessene Reaktion als Alternative zum Hamsterrad einer Gesellschaft, die solchermaßen Niedergestreckten nicht mehr bietet als Therapie und Pillen zum weiter Funktionieren.
Erich Sauer ist zu danken, dass wir hier angeregt sind nachzudenken, die wachsende Zahl von depressiven Menschen nicht nur zu beklagen. Ob es nicht wichtiger und menschlich wäre, sie in unsrer Konkurrenz- und Selbstdesigngesellschaft auch als Ausdruck einer zerstörerischen sozialen Selektion zu sehen. Mich ermutigt er – nicht zum ersten Mal - um menschlichere Zustände, eine menschlichere Gesellschaft zu streiten.
*1 (Internationale Klassifizierung. WHO Nach: Psychologie heute. Compact Heft 23, 2009)