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Glückskinder der Geschichte

Wolfgang Neskovic, MdB, Bundesrichter a.D. zur Kandidatur Kerstin Kaisers

In der Lausitzer Rundschau veröffentlichte unlängst Hubertus Knabe einen Artikel, in dem er die Kandidatur von Kerstin Kaiser für das Amt der Ministerpräsidentin mit der Bewerbung eines Kinderschänders für die Leiterstelle eines Kindergartens verglich. Herr Knabe bezog sich dabei auf die Zusammenarbeit der Studentin Kaiser mit dem Ministerium für Staatsicherheit der DDR.

Möglicherweise fehlen mir die gereiften geschichtswissenschaftlichen Erfahrungen des Leiters der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Aber es verbindet mich auch etwas mit ihm: Er und ich waren nie Bürger der DDR. Dass Knabe sich entschied, aus seiner Beschäftigung mit der DDR eine Lebensaufgabe zu machen, ist dafür beinahe unerheblich. Es bleibt der Fakt, dass er und ich nicht gehalten waren, im realexistierenden östlichen Sozialismus ein Leben zu führen, Ausbildung und Beruf zu meistern, Kinder groß zu ziehen, also schlichtweg zurechtzukommen.

Er und ich haben nie aus erster Hand erlebt, wie schwer sich die Vorstellung von einer besseren Gesellschaft mit täglichen Enttäuschungen verbinden lassen konnte. Er und ich haben uns nie fragen müssen, wann und warum konkret das Versprechen einer besseren Zukunft trügt und Duldsamkeit in Duckmäusertum übergeht. Er und ich mussten nie wirklich Mut aufbringen, um gegen behauptete Wahrheiten anzureden, weil wir dabei nicht viel mehr riskierten als nur ein wenig Reputation. Ihm und mir fehlt auch die nicht zu ersetzende Erfahrung der Schwierigkeiten danach: er und ich haben kein überrolltes Leben handhaben müssen, als die Geschichte weitergezogen ist. Sind wir nicht beide Glückskinder der Geschichte, die sich vor allzu selbstgerechten Bewertungen anderer Biografien hüten sollten?

Doch wir unterscheiden uns auch. Mir fehlt zum Beispiel Knabes untrügerische moralische Sicherheit, wenn es darum geht, Menschen zu verurteilen. Anders als Knabe traue ich mir nicht zu, dafür meine fehlenden eigenen Erfahrungen tollkühn außer Acht zu lassen. Anders als er kann ich auch nicht mühelos aus fremden Fehlern lernen. Ich war leider immer auf meine eigenen Fehler, meine eigenen Erfahrungen angewiesen.
Als Richter in der Bundesrepublik Deutschland habe ich siebenundzwanzig Jahre die Erfahrung gemacht, dass es äußerst schwer ist, Menschen zu beurteilen, selbst wenn sie in demselben gesellschaftlichen Zusammenhang wie ich ihr Leben gestalten.

Als Strafrichter habe ich die Erfahrung gemacht, wie sehr man sich irren kann, wenn es um die Frage geht, ob ein Mensch begangenes Unrecht einsieht, ja bereut, oder nur so tut, als ob. Es ist ein Irrtum, der in beide Richtungen möglich ist. Ich habe auch gelernt, dass dennoch jeder Mensch in einem Rechtsstaat die Chance haben muss, aus seinen Fehlern zu lernen und diese Selbsterkenntnisse auch nutzen zu können. Ich habe erfahren, dass der Prozess des Lernens ein sehr ehrlicher, offener sein kann - und dennoch allerseits angezweifelt wird.


Wer für seine Wahlentscheidung wissen möchte, ob Frau Kerstin Kaiser für das Amt der Ministerpräsidentin geeignet ist, kann dafür auf die Erfahrungen ihres direkten Kontrahenten zurückgreifen. Es sind immerhin dessen eigene Erfahrungen. Ministerpräsident Matthias Platzeck sagte im Dezember 2008 über Frau Kaiser der Berliner Zeitung: "Im Jahre 2009 sind zwei Jahrzehnte seit unserer friedlichen Revolution vergangen. Und wer sich 20 Jahre ernsthaft bemüht hat, unser Gemeinwesen zu gestalten und die Demokratie voranzubringen, hat ein Recht darauf, dass seine gesamte Lebensleistung gewürdigt wird. Das ist meine feste Überzeugung."
       
Eine gekürzte Fassung dieses Artikels erschien am 19. Januar 2009 in der Lausitzer Rundschau.