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Kerstin Kaiser mit 18 Jahren

In einem ganz traditionellen Sinn also habe ich die DDR als meine Heimat empfunden.  Der „Staat der Werktätigen“ setzte, so habe ich das wohl mehr gefühlt als verstanden,  großes Vertrauen in mich und ermöglichte mir das gewünschte Studium in der Sowjetunion. Und ich wollte dieses Vertrauen rechtfertigen. Damals also, bei diesem Gespräch zweifelte ich nicht an der Richtigkeit meiner Entscheidung. Es hatte bis zu dem Zeitpunkt keinerlei Berührung mit dem MfS gegeben.

Heute, im Rückblick und mit all den Erkenntnissen, die ich in den vergangenen Jahren gewonnen, mit all dem Wissen, das ich erworben habe, ist es für mich schwer vorstellbar, dass mir damals meine Entscheidung nicht falsch erschien. Ich habe an den Staat, in dem ich lebte, geglaubt, und ich war ihm dankbar. Dies waren offenbar Gründe für mein Verhalten.

Keine Zweifel zu haben an dem, was das MfS von mir wollte, nicht kritisch nachzufragen, eine fremd definierte Disziplin höher zu stellen, als eigene Verantwortung  - das waren offensichtlich die individuellen, subjektiven Voraussetzungen dafür, mich benutzen zu lassen und Falsches zu tun. Die Tatsache, dass ich zu dem Zeitpunkt erst achtzehn Jahre alt war, relativiert nicht, dass es ein Fehler war. Aber sie ist einer von vielen Gründen dafür, dass ich diesen Fehler gemacht habe.

Bei den gelegentlichen Treffen mit dem MfS-Mitarbeiter später in Leningrad führten wir Gespräche über mir bekannte und offenbare Fakten. Ich kann sagen: Ich wollte niemanden denunzieren. Nie. Und ich muss aus heutiger Sicht sagen: In dem Moment, da man sich bereit erklärt, Gespräche mit einem Geheimdienst zu führen, nutzt dieses Wollen nichts mehr. Es liegt nicht mehr in der eigenen Hand, ob man jemanden denunziert oder nicht. Einfach deshalb nicht, weil es nicht in der eigenen Hand liegt, was mit den gegebenen Informationen getan wird. Die beste Absicht kann die schlimmsten Folgen haben, denn die Folgen bestimmt der Geheimdienst, nicht die Informantin. Das war, sage ich heute, schon immer so und es gilt überall.

Als dann ein anderer Kontakt-Offizier später aus diesen Gesprächen schriftliche Berichte fertigte, wurde mir zumindest klar: Meine Absichten waren keineswegs mit seiner Aufgabe und Absicht identisch. Als ich nicht jeden seiner Berichte als zutreffend abzeichnete, weil Informationen von mir darin verfälschend zusammengefügt waren, verstand ich den Sinn des Satzes: Das kann ich nicht unterschreiben. Das Interesse des MfS an den damals zwölf Studentinnen der Hochschulgruppe „Sprachwissenschaftler“ nahm 1981 zu. Das verunsicherte mich. Aber die Verunsicherung genügte nicht, mich dem ganz und gar zu entziehen.

Und so kamen mir mit fortlaufendem Studium und den widerspruchsvollen Lebenserfahrungen in der damaligen Sowjetunion zwar zunehmend Zweifel am Sinn und an der Berechtigung meiner Treffen mit dem MfS. Man machte seitens der Behörde auch bald kein Geheimnis mehr daraus, auch über mich detaillierte Kenntnisse zu besitzen. Aber ich zog nicht die aus heutiger Sicht notwendigen Konsequenzen. WEITER

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